
„Möge dein Blick weit werden für Möglichkeiten, die gestern noch verborgen waren.“
Dieser Segen spricht von einer Erfahrung, die viele spirituelle und philosophische Traditionen kennen: Unsere Wirklichkeit verändert sich nicht nur dadurch, dass etwas Neues geschieht – sondern auch dadurch, dass wir beginnen, anders zu sehen.
Manches war vielleicht schon da, bevor wir es wahrgenommen haben.
Eine Gelegenheit.
Ein neuer Gedanke.
Ein anderer Umgang mit einer schwierigen Situation.
Ein Mensch, dessen Bedeutung wir bisher unterschätzt haben.
Oder ein Weg, den wir lange nicht als Möglichkeit erkannt haben.
„Möge dein Blick weit werden …“
Ein weiter Blick bedeutet mehr als Optimismus.
Er bedeutet, die eigene Wahrnehmung nicht vorschnell auf das zu begrenzen, was wir bereits kennen. Erfahrungen, Erwartungen und Gewohnheiten helfen uns, die Welt einzuordnen – sie können aber auch dazu führen, dass wir immer wieder dieselben Möglichkeiten sehen und andere übersehen.
Kontemplative Praxis lädt deshalb oft dazu ein, vertraute Dinge neu wahrzunehmen.
Was geschieht, wenn ich eine Situation nicht nur unter der Frage betrachte:
„Was ist hier schwierig?“
Sondern auch:
„Was könnte hier möglich werden?“
Der zweite Teil des Segens lautet:
„… für Möglichkeiten, die gestern noch verborgen waren.“
Das Wort verborgen ist dabei wichtig.
Eine Möglichkeit muss gestern noch nicht unmöglich gewesen sein. Vielleicht war sie lediglich außerhalb unseres Blickfeldes.
Manchmal verändert eine neue Information unsere Perspektive.
Manchmal ein Gespräch.
Manchmal eine Erfahrung.
Und manchmal sind wir selbst heute an einem anderen inneren Ort als gestern.
In spirituellen Traditionen begegnet uns dafür immer wieder das Motiv des Erkennens: Etwas wird sichtbar, das bereits vorhanden war, aber bislang nicht in unser Bewusstsein getreten ist.
Der Segen verspricht deshalb nicht, dass sich plötzlich jede Tür öffnet.
Er wünscht etwas Feineres:
dass unser Blick weit genug wird, um Türen überhaupt zu erkennen.
Vielleicht liegt darin eine hilfreiche Frage für diesen Tag:
Welche Möglichkeit würde ich sehen,
wenn ich für einen Moment davon ausginge,
dass noch nicht alles entschieden ist?
Segensspruch Latein
Proferatur prospectus tuus ad ea amplectenda quae heri adhuc latebant.
Segensspruch Deutsch
Möge dein Blick weit werden für Möglichkeiten, die gestern noch verborgen waren.
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